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Selma Meerbaum-Eisinger
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Du, weißt Du...
Du, weißt Du, wie ein Rabe schreit?
Und wie die Nacht, erschrocken bleich, nicht weiß, wohin zu fliehn? Wie sie verängstigt nicht mehr weiß: Ist es ihr Reich, ist es nicht ihr Reich, gehört sie dem Wind oder er ihr,
und sind die Wölfe mit ihrer Gier nicht zum Zerreißen bereit?
Du, weißt Du, wie der Wind schrill heult und wie der Wald, erschrocken bleich, nicht weiß, wohin zu fliehn?
Wie er verängstigt nicht mehr weiß: Ist es sein Reich, ist es nicht sein Reich, gehört er dem Regen oder der Nacht und ist der Tod, der schauerlich lacht, nicht sein allerhöchster Herr?
Du, weißt Du, wie der Regen weint? Und wie ich geh', erschrocken bleich, und nicht weiß, wohin zu fliehn? Wie ich verängstigt nicht mehr weiß: Ist es mein Reich, ist es nicht mein Reich,
gehört die Nacht mir, oder ich, gehör' ich ihr, und ist mein Mund, so blass und wirr, nicht der, der wirklich weint?
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Ich bin die Nacht
Ich bin die Nacht. Meine Schleier sind
viel weicher als der weiße Tod. Ich nehme jedes heiße Weh mit in mein kühles, schwarzes Boot.
Mein Geliebter ist der lange Weg. Wir sind vermählt auf immerdar.
Ich liebe ihn, und ihn bedeckt mein seidenweiches, schwarzes Haar.
Mein Kuß ist süß wie Fliederduft - der Wanderer weiß es genau... Wenn er in meine Arme sinkt, vergißt er jede heiße Frau.
Meine Hände sind so schmal und weiß, daß sie ein jedes Fieber kühlen, und jede Stirn, die sie berührt, muß leise lächeln, wider Willen.
Ich bin die Nacht. Meine Schleier sind
viel weicher als der weiße Tod. Ich nehme jedes heiße Weh mit in mein kühles, schwarzes Boot.
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Ich möchte leben
Ich möchte leben.
Ich möchte kämpfen, lieben und hassen und ich möchte den Himmel mit Händen fassen und möchte frei sein und atmen und schrein. Ich will nicht sterben. Nein.
Das Leben ist rot. Das Leben ist mein.
Mein und Dein. Warum brüllen die Kanonen? Warum stirbt das Leben für glitzernde Kronen? Dort ist der Mond. Er ist da. Nah. Ganz nah. Ich muß warten. Worauf? Hauf um Hauf sterben sie.
Ich will leben und Du Bruder auch. Atemhauch geht von meinem und Deinem Munde. Der Mond ist lichtes Silber im Blau. Die Pappeln sind grau. Und Wind braust mich an. Die Straße ist hell. Dann...
Sie kommen dann und würgen mich. Mich und Dich. Das Leben ist rot braust und lacht. Über Nacht bin ich tot.
Ein Schatten von einem Baum geistert über den Mond. Man sieht ihn kaum. Ein Baum,
ein Leben kann Schatten werfen Über den Mond.
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Regen
Du gehst. Und der Asphalt ist nass
und plötzlich ist das Grün der Bäume neu und ein Geruch von ganz frischem Heu schlägt Dir in Dein Gesicht, das heiß und blass auf diesen Regen wohl gewartet hat.
Die Gräser, welche staubig, müd und matt
sich bis zur Erde haben hingebeugt, sehen beglückt die Schwalbe, welche nahe fleugt, und scheinen plötzlich stolz zu sein.
Du aber gehst. Gehst einsam und allein
und weißt nicht, sollst Du lachen oder weinen.
Und hier und da sind Sonnenstrahlen, welche scheinen, als ginge sie der Regen gar nichts an.
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Schlaflied für die Sehnsucht
O lege, Geliebter,
den Kopf in die Hände und höre, ich sing' Dir ein Lied. ich sing' Dir von Weh und von Tod und vom Ende, ich sing' Dir vom Glücke, das schied.
Komm, schließe die Augen, ich will Dich dann wiegen,
wir träumen dann beide vom Glück. Wir träumen dann beide die goldensten Lügen, wir träumen uns weit, weit zurück.
Und sieh nur, Geliebter, im Traume da kehren wieder die Tage voll Licht.
Vergessen die Stunden, die wehen und leeren von Trauer und Leid und Verzicht.
Doch dann - das Erwachen, Geliebter, ist Grauen - ach, alles ist leerer als je -
Oh, könnten die Träume mein Glück wieder bauen, verjagen mein wild- heißes Weh!
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Sehnsuchtslied
Leise schlägst in Deinem Lied Du einen Ton an -
und Dir ist, als fehlte noch etwas. Und Du suchst verwirrt bei allen Tönen, ob sie Dir nicht sagen können, wo's zu finden, wo und wie und wann... Doch der eine ist zu blaß und zu lüstern ist der zweite
und der dritte ist so voll mit Weite - viel zu voll.
Du suchst lange - Moll und Dur und Moll werden lebend unter Deinen Händen. Und dann schlägst Du plötzlich eine Taste an, und - es kommt kein Ton.
Und das Schweigen ist Dir wie ein dumpfer Hohn, denn Du weißt es plötzlich ganz genau: Dieser fehlt Dir. Wenn ihn Deine Hände fänden, fiele ab von Deinem Lied der Bann, war' das Ende nicht mehr leer und grau.
Und Du rührst und rührst die Taste - fragst Dich, wo hier wohl die Hemmung liegt, suchst, ob nicht doch Deiner Hände Weiche siegt, Deine Augen betteln voll Verlangen. Kein Ton kommt. Einsamkeit bleibt nun zu Gaste
in dem Lied, das Dir so schwer und süß gereift.
Um den ungespielten Ton wirst Du nun ewig bangen, bangen um das Glück, das Dich nur leicht gestreift in den leisen Nächten, wenn der Mond Dich wiegt
und die Stille Deine Tränen nicht begreift.
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Tränenhalsband
Die Tage lasten schwül und schwer, voll wildem,
bangem Weh. Es ist in mir so kalt und leer, daß ich vor Angst vergeh'. Die Vögel ziehn gen Mittag hin, sie sind schon lange fort. Schon seh' ich keine Aster blühn,
und auch die letzten Falter fliehn, die Berge sind mit Herbst umflort. Ich bin in Sehnsucht eingehüllt, ich sehne mich nach dir. Mein heißes Sehnsuchtslied erfüllt die Welt und mich mit ihr.
Der Regen, der eintönig rauscht, begleitet meinen Sang. Und wer dem Regenliede lauscht und wer sich an dem Weh berauscht, der hört auch meines Liedes Klang. Nur du allein, du hörst es nicht - ach, weiß ich
denn, warum? Und wenn mein Lied einst gell, zerbricht, du bleibst auch kalt und stumm. Dir macht es nichts, wenn jeder Baum mitleidig fleht: so hör! Du gehst vorbei und siehst mich
kaum, als wüßtest du nicht meinen Traum, und 's fällt dir nicht mal schwer. Und doch bist du so bleich bedrückt, wie einer der versteht, der seine Seufzer schwer erstickt und schwer beladen geht.
Und doch ist Weh in deinem Blick, um deine Lippen Leid. Verloren hast du wohl das Glück, es kommt wohl nimmermehr zurück, und du - du bist »befreit«. Nun ja, das Glück war dir zu schwer, du hast es
hastig-wild verstreut, und nun sind deine Hände leer, es füllt sie nur noch Einsamkeit. So stehst du da und wirfst den Kopf mit starrem Trotz zurück, und sagst, was du ja selbst nicht
glaubst - »Ich pfeife auf das Glück!« Und dann, wenn es schon längst vorbei, stehst du noch da und starrst ihm nach, dann sehnst du es so heiß herbei, es ist dir nicht mehr einerlei - dann bist du plötzlich wach.
Zurück jedoch kommt es nie mehr - denn rufen willst du nicht, und wäre die Leere so unendlich schwer, daß dein Rücken darunter bricht. So tragen wir beide dasselbe Leid, ein jeder für
sich allein. Mich krönt aus Tränen ein schweres Geschmeid' und dich ein Sehnsuchtsedelstein. Und der Wind singt uns beiden den ewigen Sang von Sehnen und Verzicht, doch auch wenn es
dir zum Sterben bang - du rufst mich trotzdem nicht.
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Träume
Es sind meine Nächte durchflochten von Träumen,
die süß sind wie junger Wein. Ich träume, es fallen die Blüten von Bäumen und hüllen und decken mich ein.
Und alle diese Blüten, sie werden zu Küssen, die heiß sind wie roter Wein
und traurig wie Falter, die wissen: sie müssen verlöschen im sterbenden Schein.
Es sind meine Nächte durchflochten von Träumen, die schwer sind wie müder Sand. Ich träume, es fallen von sterbenden Bäumen
die Blätter in meine Hand.
Und alle diese Blätter, sie werden zu Händen, die zärteln wie rollender Sand und müd sind wie Falter, die wissen: sie enden noch eh' sie ein Sonnenstrahl fand.
Es sind meine Nächte durchflochten von Träumen, die blau sind wie Sehnsuchtsweh. Ich träume, es fallen von allen Bäumen Flocken von klingendem Schnee.
Und all diese Flocken sie werden zu Tränen.
Ich weinte sie heiß und wirr - begreif meine Träume, Geliebter, sie sehnen sich alle nur ewig nach Dir.
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Welke Blätter
Plötzlich hallt mein Schritt nicht mehr,
sondern rauscht leise, leise wie die tränenvolle Weise, die ich sing', vor Sehnsucht schwer. Unter meinen müden Beinen, die ich hebe wie im Traum, liegen tot und voll von Weinen
Blätter von dem grossen Baum.
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