The Soul's Mirror
 

 

Pablo Neruda
 

Abwesenheit

Das Insekt

Dein Lachen

Deine Hände

Der Tiger

Die Königin

Die Nacht auf der Insel

Die Verfehlung

Heut Nacht

Licht

Liebe

Ode an das Meer

Ode an den glückhaften Tag

Tag für Tag Mathilde

Wenn Du mich vergißt

Abwesenheit

Kaum hab ich Dich verlassen,
gehst Du mit in
mir, kristallklar
oder zitternd
oder unruhig,
verletzt durch mich selbst,
oder erfüllt von
Liebe, wie wenn Deine Augen
sich schließen
über der Gabe des Lebens,
die ich
unablässig Dir reiche.

Meine Liebe,
wir haben uns
gefunden
voller Durst, und
wir haben
uns getrunken,
alles Wasser und das Blut,
wir haben uns
gefunden
voll Hunger
und haben uns
gebissen,
wie das Feuer
beißt,
Wunden uns
hinterlassend.

Aber warte auf
mich,
bewahre mir Deine
Süße,
Ich werde Dir
auch
eine Rose geben.

Das Insekt

Von Deinen Hüften bis zu Deinen Füßen
will ich eine lange Reise machen.

Ich bin kleiner als ein Insekt.
Ich schweife über Hügel,
heil schimmernd wie der Hafer,
bedeckt mit zarten Spuren,
die keiner kennt, nur ich,
versengte Zentimeter,
dämmrige Perspektiven.

Hier gibt es einen Berg.
Nie werd ich den verlassen.
Oh, wie riesig das Moos!
Und da ein Krater, eine
Rose aus feuchtem Feuer!

Deine Beine hinunter
eine Spirale windend
oder schlummernd im Gehen,
steig ich abwärts und komme
zu Deinen Knien, rund und
hart wie die Gipfel eines
heiteren Kontinentes.

Gleitend, zu Deinen Füßen,
komm ich an die acht Spalten
zwischen den spitzen, trägen,
halbinselhaften Zehen
und stürze ab ins Leere
des weißen, leinenen Lakens,
blind in die Runde tastend,
hungernd nach Deinem Umriß,
den Rand des Glutkrugs suchend!

Dein Lachen

Nimm mir das Brot weg, wenn Du
es willst, nimm mir die Luft weg,
aber laß mir Dein Lachen.
Laß mir die Rosenblüte,
den Spritzstrahl, den Du versprühst,
dieses Wasser, das plötzlich
aufschießt in Deiner Freude,
die jähe Pflanzenwoge,
in der Du selbst zur Welt kommst.

Mein Kampf ist hart, und manchmal
komme ich heim mit müden
Augen, weil ich die Welt
gesehn, die sich nicht ändert,
doch kaum trete ich ein,
steigt Dein Lachen zum Himmel,
sucht nach mir und erschließt mir
alle Türen des Lebens.

Meine Liebe, auch in der
dunkelsten Stunde laß Dein
Lachen aufsprühn, und siehst Du
plötzlich mein Blut als Pfütze
auf den Steinen der Straße,
so lache, denn Dein Lachen
wird meinen Händen wie ein
frisch erglänzendes Schwert sein.

Und am herbstlichen Meer
soll DeineS Lachens Sturzflut
gischtend himmelwärts steigen,
und im Frühling, Du Liebe,
wünsche ich mir Dein Lachen
als Blüte, lang erwartet,
blaue Blume, die Rose
meines klingenden Landes.

Lache über die Nacht,
über den Tag, den Mond,
lache über die krummen
Gassen unserer Insel,
lache über den Burschen,
den Tolpatsch, der Dich liebt,
aber wenn ich die Augen
öffne, wenn ich sie schließe,
wenn meine Schritte fortgehn,
wenn sie dann wiederkommen,
nimm mir das Brot, die Luft,
nimm mir das Licht, den Frühling,
aber niemals Dein Lachen,
denn sonst würde ich sterben.

Deine Hände

Wenn Deine Hände, Liebe,
meinen entgegenkommen,
was bringen sie mir, fliegend?
Warum hielten sie plötzlich
inne auf meinem Mund?

Wie erkenne ich sie,
als hätte ich sie damals,
früher schon mal berührt,
und als wären sie früher,
ehe sie selber waren,
mir schon über die Stirne,
über die Hüfte gestreift?

Ihre Sanftheit kam her,
fliegend über die Zeit,
über das Meer, den Rauch,
über den Frühling flügelnd,
und als Du Deine Hände
mir auf die Brust gelegt,
erkannte ich die Flügel
der goldfiedrigen Taube,
erkannte ich die Kreide
und die Farbe von Weizen.

Mein ganzes Leben habe
ich nach ihnen gesucht.
Treppen stieg ich empor,
ging über Pflasterstraßen,
Züge trugen mich fort,
Wasser brachten mich her,
und auf der Haut der Trauben
meinte ich Dich zu fühlen.

Das Holz gab unversehens
mir Berührung mit Dir,
und die Mandel verhieß mir
Deine heimliche Sanftheit,
bis Deine Hände sich
schlossen auf meiner Brust,
um hier nun wie zwei Flügel
zu beenden die Reise.

Der Tiger

Ich bin der Tiger.
Laure auf Dich im Laub,
zwischen Blättern, so strotzend
wie Barren feuchten Erzes.
Der weiße Fluß schwillt an
unterm Nebel. Du kommst.
Nackt tauchst Du unter.
Ich warte.
Und dann, in einem Sprung
von Feuer, Blut und Zähnen,
reißt ein Prankenhieb Dir
die Brust, die Hüften nieder.
Ich trinke Dein Blut, breche
Dir Deine Glieder, einzeln.
Und dann halte ich Wache
im Urwald, jahrelang,
bei Deinen Knochen, Deiner
Asche, regungslos,
fern dem Haß und dem Zorn,
entwaffnet durch Deinen Tod,
von Lianen umwuchert,
regungslos unterm Regen,
unerbittlicher Wächter
bei meiner Mörderliebe.

Die Königin

Ich hab Dich zur Königin ernannt.
Größere gibt es, größer als Du.
Reinere gibt es, reiner als Du.
Schönere gibt es, schöner als Du.

Doch Du bist die Königin.

Wenn Du durch die Straßen gehst,
erkennt Dich keiner.
Niemand sieht Deine Krone
aus Kristall, niemand schaut
den Teppich aus rotem Gold,
den jeder Schritt von Dir betritt,
den Teppich, der gar nicht da ist.

Und wenn Du erscheinst,
rauschen alle Flüsse
in meinem Körper auf,
rütteln die Glocken am Himmel,
und ein Hymnus erfüllt die Welt.

Nur Du und ich,
nur Du und ich, meine Liebe,
hören ihn tönen.

Die Nacht auf der Insel

Die ganze Nacht hab ich geschlafen mit Dir,
nahe dem Meer, auf der Insel.
Wild und lieblich warst Du im Wechsel von Lust und Schlaf,
im Wechsel von Feuer und Wasser.
Vielleicht vereinten sich
spät, sehr spät unsere Träume,
hoch droben oder tief drunten,
in der Höhe wie Zweige, vom selben Wind bewegt,
in der Tiefe wie rote Wurzeln, einander berührend.
Vielleicht trennte sich
Dein Traum von dem meinen
und suchte mich
auf dem dunklen Meer
wie einstens,
als es Dich noch nicht gab,
als ich, ohne Dich zu gewahren,
dicht an Dir vorüberfuhr,
und Deine Augen suchten,
was ich nunmehr
- Brot, Wein, Liebe und Zorn -
mit vollen Händen Dir gebe,
denn Du bist der Becher,
wartend auf die Gaben meines Lebens.
Ich habe mit Dir geschlafen
die ganze Nacht, während
die dunkle Erde sich drehte
mit Lebenden und mit Toten,
und beim Erwachen, jählings,
inmitten der Dunkelheit
umfaßte mein Arm Deine Hüfte.
Weder die Nacht noch der Traum
konnten uns beide trennen.
Ich hab mit Dir geschlafen,
und beim Erwachen gab Dein Mund,
eben dem Traum entkommen,
mir den Geschmack von Erde,
von Meereswasser, von Algen,
vom Grund Deines eignen Lebens,
und ich erhielt einen Kuß,
benetzt von der Morgenröte,
als käme er mir vom Meer,
das hier uns umspült.

Die Verfehlung

Wenn Dein Fuß noch einmal fehlgeht,
wird er abgehauen.
Wenn Deine Hand Dich
auf einen anderen Weg führt,
fällt sie verfault zu Boden.
Wenn Du mir Dein Leben entziehst,
stirbst Du
bei lebendigem Leibe.
Als Tote oder als Schatten
wirst Du ohne mich dann durch die Welt gehn.

Heut Nacht

Heut Nacht kann ich die trübsten, traurigsten Verse schreiben.
Schreiben etwa: "Mit Sternen übersät ist das Dunkel,
und blaugefroren zittern weit entfernte Gestirne."
Der Wind der Nacht zieht seine Kreise an Himmel, singend.
Heut nacht kann ich die trübsten, traurigsten Verse schreiben.
Ich liebte sie, und manchmal hatte auch sie mich gerne.
In Nächten, so wie diese, hielt ich sie in den Armen.
Küßte sie viele Male unterm endlosen Himmel.
Sie liebte mich, und manchmal hatte auch ich sie gerne.
Wie denn nicht lieben ihre großen, sicheren Augen.
Heut nacht kann ich die trübsten, traurigsten Verse schreiben.
Denken, daß sie mir fern ist. Fühlen, daß sie verloren.
Hören die öde Nachtluft, öder noch, seit sie fort ist.
Der Vers fällt auf die Seele wie der Tau auf das Grasland.
Was macht's, daß meine Liebe sie nicht bewahren konnte.
Sternbesät ist das Dunkel, und sie ist nicht mehr bei mir.
Das ist alles. Sehr ferne singt irgendwer, sehr ferne.
Mein Herz kann es nicht fassen, daß ich sie nicht mehr habe.
Wie um sie herzuholen, ist mein Herz auf der Suche.
Mein Herz ist auf der Suche, und sie ist nicht mehr bei mir.
Die gleiche Nacht, und weißlich schimmern die gleichen Bäume.
Aber wir, die von damals, wir sind nicht mehr die gleichen.
Ja, ich liebe sie nicht mehr, doch wie liebte ich, damals.
Zum Wind lief meine Stimme, um an ihr Ohr zu rühren.
Jetzt hat sie wohl ein andrer. Wie einst, eh ich sie küßte.
Den hellen Leib, die Stimme. Die großen, großen Augen.
Ja, ich liebe sie nicht mehr, oder lieb ich sie noch immer.
So kurz dauert die Liebe, und so lang das Vergessen.
Denn in Nächten wie diese hielt ich sie in den Armen.
Mein Herz kann es nicht fassen, daß ich sie nicht mehr habe.
Mag's auch der letzte Schmerz sein, den ich durch sie erleide,
sind's auch die letzten Verse, die ich für sie nun schreibe.

Licht

Seit Du diesen Ort verlassen hast,
erscheint er in meinem Augenblick
nicht mehr ganz so hell wie zuvor.
Das Strahlen Deiner Augen war
das hellste mir in diesen Tagen.

Seit Du diesen Ort verlassen hast,
vermisse ich Dein Lachen beim
Elfentanz der suchenden Seelen.
Das Lächeln Deiner Seele war
das liebste mir in diesen Tagen.

Seit Du diesen Ort verlassen hast,
bist Du da, denn wenn ich ganz leise,
auf Zehenspitzen, mein Herz besuche,
dann finde ich, welch Zauber, mein
Licht in mir, und nebendran auch Deines.

Liebe

Dich so viele
Tage, ach so viele Tage
so sicher und so
nah zu sehn,
wie vergelte
ich's, womit bezahle ich's?

Der blutdürstende
Frühling
der Wälder
erwachte,
die Füchse kommen
aus ihren Höhlen hervor,
die Schlangen
trinken Tau,
und ich gehe mit
Dir durchs Laubwerk,
zwischen Pinien
und Schweigen,
und ich frage
mich, wie und wann
ich zahlen muß
für dieses Glück.

Von allem, was
ich sah,
Dich will ich
weiterhin sehn,
von allem, was
ich berührte,
nur Deine Haut
will ich weiter berühren:
ich liebe Dein
Orangenlachen,
Du gefällst mir
im Schlaf.

Was soll ich
machen, Liebe, Geliebte,
ich weiß nicht,
wie die übrigen lieben,
ich weiß nicht,
wie man sich früher liebte,
ich lebe, indem
ich Dich sehe, Dich liebe,
ganz einfach
verliebt.
Du gefällst mir
jeden Abend mehr.

Wo magst Du sein?
werde ich fragen,
wenn Deine Augen
verschwinden.
Wie lange säumt
sie! denk ich und kränke mich.
Ich fühle mich
armselig, traurig und dumm,
und kommst Du,
bist Du ein Windstoß,
der her von den
Pfirsichen weht.

Darum liebe ich
Dich und auch nicht darum,
wegen so vieler
Dinge und so weniger,
und so soll die
Liebe sein
halb
abgeschlossen und allgemein,
eigen und
schrecklich,
mit fliegendem
Banner und in Trauer,
blühend wie die
Sterne
und maßlos wie
ein Kuß.

Ode an das Meer

Hier auf der Insel
das Meer,
und wieviel Meer
bricht hervor jeden Augenblick
aus sich selber,
o ja, sagt es, o ja,
o nein, o nein, o nein,
o ja, sagt es, im Blauen,
im Schaum, im Wogenritt,
o nein, sagt es, o nein.
Kann nicht ruhig verharren,
Meer heiße ich, wiederholt es
gegen einen Felsen schlagend,
ohne ihn überzeugen zu können,
dann mit sieben grünen Zungen,
sieben grünen Haien,
sieben grünen Tigern,
sieben grünen Meeren
umwogt es ihn, küsst ihn,
benetzt ihn
und schlägt,
seinen Namen wiederholend,
sich an die Brust.
O Meer, so nennst Du Dich,
Gefährte Ozean,
vergeude nicht Wasser und Zeit,
schüttle nicht so viel von Dir ab,
hilf uns,
wir sind die winzigen Fischer,
die Menschen der Küste,
wir leiden Hunger und Kälte,
Du bist unser Feind,
triff uns nicht so hart,
brülle nicht dergestalt,
tu auf Deinen grünen Schrein
und lass ihn unser
aller Händen
Deine silberne Gabe,
den täglichen Fisch.
In jeder Hütte hier
lieben wir ihn,
sei er von Silber auch,
Kristall oder Mond,
für die ärmlichen Küchen
der Erde ward er geboren.
Bewahre ihn,
Geiziger, nicht,
der, ein feuchter Blitz,
unter den Wogen
hinschießt.
Nun, schick Dich drein,
tu Dich auf
und lass ihn frei
in der Nähe unserer Hände,
hilf uns, Ozean,
grüner, abgrundtiefer Vater,
die Erdenarmut
eines Tags zu enden.
Lass uns
ernten die Pflanzung,
die unendliche, Deiner Leben,
Deiner Saaten und Trauben,
Deiner Stiere, Deiner Metalle,
den feuchten Glanz
und die versunkene Frucht.
Vater Ozean, wir wissen lange schon,
wie Du heißt, alle
Möwen verbreiten
Deinen Namen an den Gestaden:
Nun, betrage Dich gut,
schüttle Deine Mähne nicht,
bedrohe keinen Menschen,
zerschmettre am Himmel nicht
Dein herrliches Gebiss,
höre auf mit den ruhmvollen Geschichten
für einen Augenblick,
gib jedem von uns Männern,
jedem
Weib und jedem Kind
einen großen oder kleinen Fisch
an jedem Tag.
Fisch auszuteilen,
geh hinaus auf alle Straßen
der Welt,
und dann
rufe laut,
rufe laut,
Daß die Armen Dich hören,
alle, die ihre Arbeit verrichten
und sagen,
den Kopf aus der Grube
streckend:
„Dort naht,
Fisch verteilend,
das uralte Meer.“
Und dann kehren sie nach unten zurück,
lächelnd in der Finsternis,
und in Straßen
und Wäldern
lächeln die Menschen
und die Erde
ein meerhaftes Lächeln.
Aber,
so Du es nicht willst,
so Du es nicht magst,
warte,
warte auf uns,
wir werden nachdenken,
vornehmlich aber wollen wir
die menschlichen Fragen
lösen,
die wichtigsten zuerst,
die übrigen später,
und dann
werden wir uns mit Dir befassen,
werden die Wogen wir mähen
mit Messern aus Feuer,
auf elektrischem Ross
werden wir die Schaumhürden nehmen,
singend,
bis wir den Grund Deines Innern
berühren,
werden wir untertauchen,
automares Garn
wird Deine Hüfte umhüten,
in Deinem abgründigen Garten
werden Gewächse
wir pflanzen
von Stahl und Zement,
werden wir
Hände und Füße Dir binden,
auf Deiner Haut werden die Menschen,
Blitze schleudern, lustwandeln,
Traubengebilde ernten,
Fischereigeräte errichten,
Dich zügeln und auf Dir reiten,
Deine Seele bezwingend.
Dies aber wird geschehen, wenn
die Menschen
geregelt haben
unser Problem,
das große,
das große Problem.
Alles werden wir ordnen,
nach und nach:
Dich, Meer werden verpflichten wir,
Dich, Erde, werden verpflichten wir,
Wunder zu vollbringen,
denn in uns selber,
im Kampf
sind beschlossen Fisch und Brot,
ist das Wunder.

Ode an den glückhaften Tag

Diesmal laßt mich
glücklich sein,
keinem ist etwas geschehen,
und ich bin nirgendwo,
einziges Ereignis ist,
daß ich glücklich bin
beim Gehen, beim Schlafen,
beim Schreiben über das ganze
Rund meines Herzens.
Was soll weiter ich tun, ich bin
glücklich,
zahlloser bin ich
als das Gras
auf den Weiden,
ich fühle die eigene Haut wie den runzligen
Baum
und unten das Wasser,
hoch oben die Vögel,
um meiner Hüfte das Meer
wie einen Reif,
aus Brot und Stein die Erde geschaffen,
die Luft singt wie eine Gitarre.

Du mir zuseiten im Sande
bist Meeressand,
Du singst und bist Gesang,
die Welt
ist heut meine Seele,
Lied und Sand,
die Welt
ist heute Dein Mund,
laßt mich
an Deinem Munde und im Sande
glücklich sein,
ja, glücklich sein, weil ich atme
und weil auch Du atmest,
glücklich sein, weil ich
Dein Knie berühre
und es ist,
als berührte ich
die blaue Haut und Kühle
des Himmels.

Heute laßt mich
einzig nur
glücklich sein
mit allen oder ohne sie,
glücklich sein
mit dem Gras
und dem Sand,
glücklich sein
mit der Luft und der Erde,
glücklich sein
mit Dir, mit Deinem Munde
glücklich sein.

Tag für Tag Mathilde

Heute zu Dir: lang gewachsen bist Du
wie der Leib von Chile, und zart
wie eine Blüte des Anisbaums,
und an jedem Zweig wahrst Du ein Zeugnis
unserer unauslöschlichen Frühlinge:
Welcher Tag ist heute? Dein Tag.
Und morgen ist gestern, kein Tag aus Deinen Händen
hat einen andern abgelöst, keiner ist vergangen:
Du bewahrst die Sonne, die Erde, die Veilchen
in Deinem kleinen Schatten, wenn Du schläfst.
Und so schenkst Du mir
jeden Morgen das Leben.

Wenn Du mich vergißt

Ich möcht, daß Du
eines weißt.
Du weißt ja, wie das ist:
Betrachte ich
den kristallenen Mond, den roten Zweig
des säumigen Herbstes an meinem Fenster,
berühre ich
beim Feuer
die ungreifbare Asche
oder die runzligen Körper des Holzes,
bringt mich das alles zu Dir,
als wäre alles, was da ist,
Düfte, Licht, Metalle,
nichts andres als ein Schwarm kleiner Schiffe,
hinsegelnd zu Deinen Inseln, die mich erwarten.
Nun aber,
wenn Du allmählich aufhörst, mich zu lieben,
werde ich aufhören, Dich zu lieben, allmählich.
Wenn Du auf einmal
mich vergißt,
suche nicht nach mir,
denn ich werde Dich schon vergessen haben.
Scheint er Dir lang und irre lodernd,
der Fahnenwind,
der mein Leben durchweht,
und entscheidest Du Dich,
mich auszusetzen am Rand
des Herzens, in dem ich verwurzelt bin,
so bedenke,
daß am selben Tag,
zur selben Stunde,
ich die Arme erhebe
und meine Wurzeln sich aufmachen,
einen anderen Boden zu suchen.
Doch wenn Du
jeden Tag,
jede Stunde
empfindest, daß Du für mich bestimmt bist,
mit unverrückbarer Süße,
wenn jeden Tag
eine Blüte aufsprießt zu Deinen Lippen, um mich zu suchen,
ach, meine Liebe, ach, Meine,
so wiederholt sich in mir all dies Feuer,
und nichts erlischt in mir, nichts wird vergessen,
meine Liebe nährt sich von Deiner Liebe, Geliebte,
und solange Du lebst, wird sie in Deinen Armen sein,
ohne die meinen zu verlassen.

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