The Soul's Mirror
 

 

Novalis
 

Alle Menschen seh ich leben

Das Urspiel der Natur

Ich weiß nicht was

Schmetterlinge

Sommerabend

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Wohin ziehst Du mich

Wunderschätze

Alle Menschen seh ich leben...

Alle Menschen seh ich leben
Viele leicht vorüberschweben
Wenig mühsam vorwärtsstreben
Doch nur Einem ists gegeben
Leichtes Streben, schwebend leben.
Wahrlich der Genuß ziemt Toren
In der Zeit sind sie verloren,
Gleichen ganz den Ephemeren.
In dem Streit mit Sturm und Wogen
Wird der Weise fortgezogen
Kämpft um niemals aufzuhören
Und so wird die Zeit betrogen
Endlich unters Joch gebogen
Muß des Weisen Macht vermehren.
Ruh ist Göttern nur gegeben
Ihnen ziemt der Überfluß
Doch für uns ist Handeln Leben
Macht zu üben nur Genuß.

Das Urspiel der Natur

Es bricht eine neue Welt herein
und verdunkelt jeden hellsten Sonnenschein
man sieht nun aus bemoosten Trümmern
eine wunderseltsame Zukunft schwimmen
und was vor dem alltäglich war
scheint nun so fremd und wunderbar

Und so das große Weltgemüt
überall sich regt und unendlich blüht
alles muß ineinander greifen
eins durchs andre gedeihen und reifen
jedes in allem der sich stellt
in dem es sich vermischt und gierig in die Tiefe fällt

Was man geglaubt, es sei geschehn
kann man von weitem erst kommen sehn
frei soll die Phantasie erst schalten
manches verschleiern, manches entfalten
endlich in magischen Dunst verschweben
Wehmut und Wollust, Tod und Leben

Wer sich der höchsten Lieb ergeben
lernet in seinen Wunden zu leben
schmerzhaft muß jedes Band zerreißen
einmal das treueste Herz verwaisen
der Leib wird aufgelöst in Tränen
verzehrt von langem Sehnen
zum zweiten Grabe wird die Welt
das Herz als Asche niederfällt

Die Liebe reich ist aufgetan
die Fabel fängt wieder zu spinnen an
die Welt wird Traum, der Traum wird Welt
das Urspiel der Natur beginnt und fällt.

Ich weiß nicht was

Es färbte sich die Wiese grün
Und um die Hecken sah ich blühn,
Tagtäglich sah ich neue Kräuter,
Mild war die Luft, der Himmel heiter.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.
Und immer dunkler ward der Wald
Auch bunter Sänger Aufenthalt,
Es drang mir bald auf allen Wegen
Ihr Klang in süßen Duft entgegen.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.
Es quoll und trieb nun überall
Mit Leben, Farben, Duft und Schall,
Sie schienen gern sich zu vereinen,
Daß alles möchte lieblich scheinen.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.
So dacht ich: ist ein Geist erwacht,
Der alles so lebendig macht
Und der mit tausend schönen Waren
Und Blüten sich will offenbaren?
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.
Vielleicht beginnt ein neues Reich –
Der lockre Staub wird zum Gesträuch
Der Baum nimmt tierische Gebärden
Das Tier soll gar zum Menschen werden.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.
Wie ich so stand und bei mir sann,
Ein mächtger Trieb in mir begann.
Ein freundlich Mädchen kam gegangen
Und nahm mir jeden Sinn gefangen.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.
Sie ging vorbei, ich grüßte sie,
Sie dankte, das vergeß ich nie –
Ich mußte ihre Hand erfassen
Und sie schien gern sie mir zu lassen.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.
Uns barg der Wald vor Sonnenschein
Das ist der Frühling fiel mir ein.
Kurzum, ich sah, daß jetzt auf Erden
Die Menschen sollten Götter werden.
Nun wußt ich wohl, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Schmetterlinge

Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß wie Wolken schmecken,
der wird im Mondschein ungestört, vor Furcht die Nacht entdecken,
der wird zur Pflanze wenn er will, zum Tier zum Narrn zum Weisen,
und kann in einer Stunde, durchs ganze Weltall reisen.
Der weiß, daß er nichts weiß, ja die andren auch nichts wissen,
nur weiß er was die anderen und er noch lernen müssen.

Wer in sich fremde Ufer spürt und Mut hat sich zu recken,
der wird im Mondschein ungestört, vor Furcht sich selbst entdecken,
abwärts zu den Gipfeln seiner selbst blickt er hinauf,
den Kampf mit seiner Unterwelt nimmt er gelassen auf.

Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß wie Wolken schmecken,
der wird im Mondschein ungestört, vor Furcht die Nacht entdecken,
wer mit sich selbst in Frieden lebt, der wird genauso sterben,
und ist selbst dann lebendiger, als alle seine Erben.

Sommerabend

Es war an einem Sommerabend
als er so saß am Meer allein
die letzten schwachen Sonnenstrahlen
wiegten in den Wellen zum Schlaf sich ein

Durch die Saiten seiner Brust
weht ein warmer Sommerwind
das leise Flüstern der Meereswogen
erlahmt seine Glieder geschwind

Fernab von ihm liegt diese Welt
die ihn zum Leben hat auserkoren
jedoch allzu weit entfernt
liegen Schätze die ihm verborgen

Ganz sanft umhüllt ihn diese Nacht
die seine Augen schwerer macht
wie in eine tiefe Gruft,
fällt er dann in ruhigen Schlaf.
Die Zukunft sieht er nun
in die dunkle Nacht gehüllt
Eine Stimme von fernher hallt
die Zeit ist nah zu handeln bald
Der Tag ist wie die Nacht
der Dich trübselig macht
willst Du in Freuden leben
mußt Du auch Liebe geben

Er sucht nun einen Weg
um die Menschen zu versteh'n
auf allen seinen Wegen
will er nur Freude ihnen geben
Hinunter in das Meer
versank der Gegenwart Grau'n
und er kann nun getrost
in die Zukunft schau'n

Ein neuer Tag brach für ihn an
er war des Lebens wieder froh
er sprang umher und freute sich
warum war es denn nicht immer so

Getrost das Leben schreitet
zum ewigen Leben hin
von inn'rer Glut geweitet
verklärt sich unserer Sinn
Die Sternenwelt wird zerfließen
zum goldenen Lebenswein
wir werden sie genießen
und selber Sterne sein

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren,
sind Schlüssel aller Kreaturen,
wenn die so singen oder küssen,
mehr als die Tiefgelehrten wissen.

Wenn sich die Welt ins freie Leben
und in die Welt wird zurückbegeben,
wenn dann sich wieder Licht und Schatten,
zu echter Klarheit werden glatten.

Und man in Märchen und Gedichten,
erkennt die wahren Weltgeschichten,
dann fliegt von einem geheimen Wort
das ganze verkehrte Wesen fort.

Wohin ziehst Du mich

Wohin ziehst Du mich,
Fülle meines Herzens,
Gott des Rausches,
Welche Wälder, welche Klüfte
Durchstreif ich mit fremdem Mut.
Welche Höhlen
Hören in den Sternenkranz
Cäsars ewigen Glanz mich flechten
Und den Göttern ihn zugesellen.
Unerhörte, gewaltige
Keinen sterblichen Lippen entfallene
Dinge will ich sagen.
Wie die glühende Nachtwandlerin
Die bachische Jungfrau
Am Hebrus staunt
Und im thrazischen Schnee
Und in Rhodope im Lande der Wilden
So dünkt mir seltsam und fremd
Der Flüsse Gewässer
Der einsame Wald

Wunderschätze

Wer einsam sitzt in seiner Kammer
und schwere bittre Tränen weint
wem nur gefärbt von Not und Jammer
die Nachbarschaft umher erscheint

Wer in das Bild vergang'ner Zeiten
wie tief in einen Abgrund sieht
in welchen ihn von allen Seiten
ein süßes Weh hinunter zieht

Es ist als lägen Wunderschätze
da unten für ihn aufgehäuft
nach deren Schloß in wilder Hetze
mit atemloser Brust er greift

Die Zukunft liegt in öder Dürre
entsetzlich lang und bang vor ihm
Er schweift umher allein und irre
und sucht sich selbst mit Ungestüm

Ich fall' ihm weinend in die Arme
auch mir war einst wie Dir zumut'
doch ich genas von meinem Harme
und weiß nun wo man ewig ruht

Dich muß wie mich ein Wesen trösten
das innig liebte, litt und starb
allen die ihm getan am wehsten
mit tausend Freuden er vergab
Er starb und dennoch alle Tage
vernimmst Du seine Lieb' und ihn
und kannst getrost in jeder Lage
ihn zärtlich in die Arme ziehn

Was Du verlorst hat er gefunden
Du triffst bei ihm was Du geliebt
und ewig bleibt mit Dir verbunden
was seine Hand Dir wiedergibt

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