The Soul's Mirror
 

 

Kurt Tucholsky
 

Danach

Das Lied von der Gleichgültigkeit

Der andere Mann

Ehekrach

Ideal und Wirklichkeit

Sehnsucht nach der Sehnsucht

Sexuelle Aufklärung

Verfehlte Nacht

Was fange ich Silvester an?

Danach

Es wird nach einem happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.
Man sieht bloß noch in ihre Lippen
den Helden seinen Schnurrbart stippen --
da hat sie nu den Schentelmen.
Na, un denn --?

Denn jehn die Beeden brav ins Bett.
Na ja ... diss is ja auch janz nett.
A manchmal möcht man doch jern wissn:
Wat tun se, wenn se sich nich kissn?
Die könn ja doch nich immer penn ...!
Na, un denn --?

Denn säuselt im Kamin der Wind.
Denn kricht det junge Paar 'n Kind.
Denn kocht sie Milch. Die Milch looft üba.
Denn macht er Krach. Denn weent sie drüba.
Denn wolln sich Beede jänzlich trenn ...
Na, un denn --?

Denn is det Kind nich uffn Damm.
Denn bleihm die Beeden doch zesamm.
Denn quäln se sich noch manche Jahre.
Er will noch wat mit blonde Haare:
vorn dof und hinten minorenn ...
Na, un denn --?

Denn sind se alt.
Der Sohn haut ab.
Der Olle macht nu ooch bald schlapp.
Vajessen Kuß und Schnurrbartzeit --
Ach, Menschenskind, wie liecht det weit!
Wie der noch scharf uff Muttern war,
det is schon beinah nich mehr wahr!

Der olle Mann denkt so zurück:
Wat hat er nu von seinen Jlück?
Die Ehe war zum jrößten Teile
vabrühte Milch un Langeweile.
Und darum wird beim happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.

Das Lied von der Gleichgültigkeit

Eine Hur steht unter der Laterne
des abends um halb neun.
Und sie sieht am Himmel Mond und Sterne -
was kann denn da schon sein ?
Sie wartet auf die Kunden,
sie wartet auf den Mann,
und hat sie den gefunden,
fängt das Theater an.
Ja, glauben Sie, daß das sie überrasche?
Und sie wackelt mit der Tasche - mit der Tasche.
mit der Tasche,
mit der Tasche -
Na, womit denn sonst.

Und es gehen mit der Frau Studenten,
und auch Herr Zahnarzt Schmidt.
Redakteure, Superintendenten,
die nimmt sie alle mit.
Der eine will die Rute,
der andre will sie bleun.
Sie steht auf die Minute
an der Ecke um halb neun.
Und sie klebt am Strumpf mit Spucke eine Masche ...
und sie wackelt mit der Tasche - mit der Tasche,
mit der Tasche
mit der Tasche -
Na, womit denn sonst.

Und es ziehn mit Fahnen und Standarten
viel Trupps die Straßen lang.
Und sie singen Lieder aller Arten
in dröhnendem Gesang.
Da kommen sie mit Musike,
sie sieht sich das so an.
Von wegen Politike ...
sie weiß doch: Mann ist Mann.
Und sie sagt: "Ach, laßt mich doch in Ruhe - "
und sie wackelt mit der Tasche - mit der Tasche -
mit der Tasche -
mit der Tasche ...
Und sie tut strichen gehn.
Diese Gleichgültigkeit,
diese Gleichgültigkeit -
die kann man schließlich verstehn.

Der andere Mann

Du lernst ihn in einer Gesellschaft kennen.
Er plaudert. Er ist zu Dir nett.
Er kann Dir alle Tenniscracks nennen.
Er sieht gut aus. Ohne Fett.
Er tanzt ausgezeichnet. Du siehst ihn Dir an...
Dann tritt zu euch beiden Dein Mann.

Und Du vergleichst sie in Deinem Gemüte.
Dein Mann kommt nicht gut dabei weg.
Wie er schon dasteht - Du liebe Güte!
Und hinten am Hals der Speck!
Und Du denks bei Dir so: "eigentlich ...
Der da wäre ein Mann für mich ! "

Ach, gnädige Frau! Hör auf einen wahren
Und guten alten Papa!
Hättst Du den Neuen: in ein, zwei Jahren
Ständest Du ebenso da!
Dann kennst Du seine Nuancen beim Kosen;
Dann kennst Du ihn in Unterhosen;
Dann wird er satt in Deinem Besitze;
Dann kennst Du alle seine Witze.
Dann siehst Du ihn in Freude und Zorn,
Von oben und unten, von hinten und vorn ...
Glaub mir: wenn man uns näher kennt,
Gibt sich das mit dem happy end.
Wir sind manchmal reizend, auf einer Feier ...
Und den Rest des Tages ganz wie Herr Meyer.
Beurteil uns nie nach den besten Stunden.

Und hast Du einen Kerl gefunden,
Mit dem man einigermaßen auskommen kann:
dann bleib bei dem eigenen Mann !

Ehekrach

"Ja-!"
"Nein - !"
"Wer ist schuld?
Du!"
"Himmeldonnerwetter, laß mich in Ruh!"
-"Du hast Tante Klara vorgeschlagen!
Du läßt Dir von keinem Menschen was sagen!
Du hast immer solche Rosinen!
Du willst bloß, ich soll verdienen, verdienen -
Du hörst nie. Ich red Dir gut zu ...
Wer ist schuld - ?
Du."
"Nein."
"Ja."

-"Wer hat den Kindern das Rodeln verboten?
Wer schimpft den ganzen Tag nach Noten?
Wessen Hemden muß ich stopfen und plätten?
Wem passen wieder nicht die Betten?
Wen muß man vorn und hinten bedienen?
Wer dreht sich um nach allen Blondinen?
Du - !"
"Nein."
"Ja."
"Wem ich das erzähle...!
Ob mir das einer glaubt - !"
-"Und überhaupt -!"
"Und überhaupt -!"
"Und überhaupt - !"

Ihr meint kein Wort von dem, was ihr sagt:
Ihr wißt nicht, was euch beide plagt.
Was ist der Nagel jeder Ehe?
Zu langes Zusammensein und zu große Nähe.

Menschen sind einsam. Suchen den andern.
Prallen zurück, wollen weiter wandern ...
Bleiben schließlich ... Diese Resignation:
Das ist die Ehe. Wird sie euch monoton?
Zankt euch nicht und versöhnt euch nicht:
Zeigt euch ein Kameradschaftsgesicht
und macht das Gesicht für den bösen Streit
lieber, wenn ihr alleine seid.

Gebt Ruhe, ihr Guten! Haltet still.
Jahre binden, auch wenn man nicht will.
Das ist schwer: ein Leben zu zwein.
Nur eins ist noch schwerer: einsam sein.

Ideal und Wirklichkeit

In stiller Nacht und monogamen Betten
denkst Du Dir aus, was Dir am Leben fehlt.
Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.
Du präparierst Dir im Gedankengange
das, was Du willst - und nachher kriegst das nie ...
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke -
C'est la vie -!

Sie muß sich wie in einem Kugellager
in ihren Hüften biegen, groß und blond.
Ein Pfund zu wenig - und sie wäre mager,
wer je in diesen Haaren sich gesonnt ...
Nachher erliegst Du dem verfluchten Hange,
der Eile und der Phantasie.
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke -
Ssälawih -!

Man möchte eine helle Pfeife kaufen
Und kauft die Dunkle - andere sind nicht da.
Man möchte jeden Morgen dauerlaufen
und tut es nicht. Beinah ... beinah ...
Wir dachten unter kaiserlichem Zwange
an eine Republik ... und nun ists die!
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke -
Ssälawih -!

Sehnsucht nach der Sehnsucht

Erst wollte ich mich Dir in Keuschheit nahn.
Die Kette schmolz.
Ich bin doch schließlich, schließlich auch ein Mann,
Und nicht aus Holz.

Der Mai ist da. Der Vogel Pirol pfeift.
Es geht was um.
Und wer sich dies und wer sich das verkneift,
Der ist schön dumm.

Denn mit der Seelenfreundschaft ? liebste Frau,
Hier dies Gedicht
Zeigt mir und Ihnen treffend und genau:
Es geht ja nicht.

Es geht nicht, wenn die linde Luft weht und
Die Amsel singt ?
Wir brauchen alle einen roten Mund,
Der uns beschwingt.

Wir brauchen alle etwas, das das Blut
Rasch vorwärtstreibt ?
Es dichtet sich doch noch einmal so gut,
Wenn man beweibt.

Doch heller noch tönt meiner Leier Klang,
Wenn Du versagst,
Was ich entbehrte öde Jahre lang ?
Wenn Du nicht magst.

So süß ist keine Liebesmelodie,
So frisch kein Bad,
So freundlich keine kleine Brust wie die,
Die man nicht hat.

Die Wirklichkeit hat es noch nie gekonnt,
Weil sie nichts hält.
Und strahlend überschleiert mir Dein Blond
Die ganze Welt.

Sexuelle Aufklärung

Tritt ein, mein Sohn, in dieses Variété!
Die heiligen Hallen füllt ein lieblich Odium
von Rauchtabak, Parfüms und Eßbüffé.
Die blonde Emmy tänzelt auf das Podium,
der erste und der einzige Geiger schmiert <Kollodium>
auf seine Fiedel für das hohe C...
So blieb es, und so ists seit dreißig Jahren -
drum ist Dein alter Vater mit Dir hergefahren.

Sieh jenes Mädchen! Erster Jugendblüte
leichtrosa Schimmer ziert das reizende Gesicht.
So war sie schon, als ich mich noch um sie bemühte,
und wahrlich: ich blamiert mich nicht!
Siehst Du sie jetzt, wie sie voll Scham erglühte?
Was flüstert sie? "Det die de Motten kricht...!"
Wie klingt mir dieser Wahlspruch doch vertraut
aus jener Zeit, da ich den Referendar gebaut!

Sei mir gegrüßt, Du meine Tugendlilie,
Du altes Flitterkleid, Du Tamburin!
Nimm Du sie hin, mein Sohn - es bleibt in der Familie -
und lern bei ihr: es gibt nur ein Berlin!
Nun aber spitz die Ohren, denn gleich singt Ottilie
ihr Lieblingslied vom kleinen Zeppeliihn
Kriegst Du sie nicht, soll Dich der Teufel holen!
Verhalt Dich brav - und damit Gott befohlen!

Verfehlte Nacht

Heute wollte die Gnädige bei mir schlafen -
und ich freute mich auf unsres Glückes Hafen.

Aber die, die längst in den Gräbern ruhen,
weiß betogat und mit weißen Schuhen,

jene alten, weisen, würdigen Kirchenväter
wandern schaurig hinteinander durch den Äther...

Ach, ich muß sie alle, alle lernen,
und dann ziehn sie wieder in die nebelhaften Fernen.

Meine Nacht beim Teufel - die verfluchten Frommen!
Wirst Du nächste Woche zu mir kommen? -

Sieh, dann sind sie fest in meinem Kopf gefangen,
und ich will vergnügt nach Deinen Brüsten langen!

Was fange ich Silvester an?

Was fange ich Silvester an?
Geh ich in Frack und meinen kessen
Blausanen Strümpfen zu dem Essen,
Das Herrn GeneralDirektor gibt?
Wo man heut nur beim Tanzen schiebt?
Die Hausfrau dehnt sich wild im Sessel -
Der Hausherr tut das sonst bei Dressel -,
Das junge Volk verdrückt sich bald.
Der Sekt ist warm. Der Kaffee kalt -
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?

Wälz ich mich im Familienschoße?
Erst gibt es Hecht mit süßer Sauce,
Dann gibt's Gelee. Dann gibt es Krach.
Der greise Männe selbst wird schwach.
Aufsteigen üble Knatschgerüche.
Der Hans knutscht Minna in der Küche.
Um zwölf steht Rührung auf der Uhr.
Die Bowle -? (<Leichter Mosel>nur - )
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?

Mach ich ins Amüsiervergnügen?
Drück ich mich in den Stadtbahnzügen?
Schrei ich in einer schwulen Bar:
"Huch, Schneeballblüte! Prost Neujahr -!"
Geh ich zur Firma Sklarz Geschwister -
Bleigießen? Ists ein Fladen klein:
Dies wird wohl Deutschlands Zukunft sein...
Prost Neujahr!
Helft mir armem Mann!
Was fang ich blos Silvester an _ ?

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