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The Soul's Mirror
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Eugen Roth
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Das Sprungbrett
Ein Mensch, den es nach Ruhm gelüstet,
Besteigt, mit großem Mut gerüstet, Ein Sprungbrett - und man denkt, er liefe Nun vor und spränge in die Tiefe, Mit Doppelsalto und dergleichen Der Menge Beifall zu erreichen.
Doch läßt er, angestaunt von vielen, Zuerst einmal die Muskeln spielen, Um dann erhaben vorzutreten, Als gält's, die Sonne anzubeten. Ergriffen schweigt das Publikum -
Doch er dreht sich gelassen um Und steigt, fast möcht man sagen, heiter Und voll befriedigt von der Leiter. Denn, wenn auch scheinbar nur entschlossen, Hat er doch sehr viel Ruhm genossen,
Genau genommen schon den meisten - Was sollt er da erst noch was leisten?
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Der Unentschlossene
Ein Mensch ist ernstlich zu beklagen,
Der nie die Kraft hat, nein zu sagen, Obwohl er's weiß, bei sich ganz still: Er will nicht, was man von ihm will! Nur, daß er Aufschub noch erreicht, Sagt er, er wolle sehn, vielleicht...
Gemahnt, nach zweifelsbittern Wochen, Daß er's doch halb und halb versprochen, Verspricht er's, statt es abzuschütteln, Aus lauter Feigheit zu zwei Dritteln,
Um endlich, ausweglos gestellt, Als ein zur Unzeit tapfrer Held In Wut und Grobheit sich zu steigern Und das Versprochne zu verweigern. Der Mensch gilt bald bei jedermann
Als hinterlistiger Grobian - Und ist im Grund doch nur zu weich, Um nein zu sagen - aber gleich!
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Die Antwort
Ein Mensch, der einen herzlos kalten
Absagebrief von ihr erhalten, Von ihr, die er mit Schmerzen liebt, Erwägt, was er zur Antwort gibt. Mit Hilfe von Gedankensäure Füllt er sich Bomben, ungeheure,
Beginnt ein Schreiben aufzusetzen, Das dieses Weib in tausend Fetzen (So graunvoll nämlich ist sein Gift) Zerreißen muß, wenn es sie trifft. Genau die Sätze er verschraubt,
Bis er die Zündung wirksam glaubt. Zum Schlusse aber schreibt er ihr: “Ich liebe Dich. Sei gut zu mir!”
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Einsicht
Ein Mensch, ein liebesselig-süßer,
Erfährt, daß er nur Lückenbüßer Und die Geliebte ihn nur nahm, Weil sie den andern nicht bekam. Trotzdem läßt er sichs nicht verdrießen, Das Weib von Herzen zu genießen.
Es nehmen, die auf Erden wandern, Ja alle einen für den andern.
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Erfolgloser Liebhaber
Ein Mensch wollt sich ein Weib erringen,
Doch leider konnts ihm nicht gelingen. Er ließ sich drum, vor weitern Taten, Von Fraun und Männern wohl beraten: “Nur nicht gleich küssen, tätscheln, tappen!”
“Greif herzhaft zu, dann muß es schnappen!” “Laß Deine ernste Absicht spüren!” “Sei leicht und wahllos im Verführen!” “Der Seele Reichtum lege bloß!” “Sei scheinbar kalt und rücksichtslos!”
Der Mensch hat alles durchgeprobt, Hat hier sich ehrenhaft verlobt, Hat dort sich süß herangeplaudert, Hat zugegriffen und gezaudert, Hat Furcht und Mitleid auferweckt,
Hat sich verschwiegen, sich entdeckt, War zärtlich kühn, war reiner Tor, Doch wie ers machte – er verlor. Zwar stimmte jeder Rat genau, Doch jeweils nicht für jede Frau.
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Falscher Verdacht
Ein Mensch hat meist den übermächtigen
Naturdrang, andre zu verdächtigen. Die Aktenmappe ist verlegt. Er sucht sie, kopflos und erregt, Und schwört bereits, sie sei gestohlen, Und will die Polizei schon holen
Und weiß von nun an überhaupt, Daß alle Welt nur stiehlt und raubt. Und sicher ist's der Herr gewesen, Der, während scheinbar er gelesen - Er ahnt genau, wie es geschah...
Die Mappe? Ei, da liegt sie ja! Der ganze Aufwand war entbehrlich Und alle Welt wird wieder ehrlich. Doch den vermeintlich frechen Dieb Gewinnt der Mensch nie mehr ganz lieb,
Weil der die Mappe, angenommen, Sie wäre wirklich weggekommen - Und darauf wagt er jede Wette - Gestohlen würde haben hätte!
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Gezeiten der Liebe
Ein Mensch schreibt mitternächtig tief
An die Geliebte einen Brief, Der schwül und voller Nachtgefühl. Sie aber kriegt ihn morgenkühl, Liest gähnend ihn und wirft ihn weg. Man sieht, der Brief verfehlt den Zweck.
Der Mensch, der nichts mehr von ihr hört, Ist seinerseits mit Recht empört Und schreibt am hellen Tag, gekränkt Und saugrob, was er von ihr denkt. Die Liebste kriegt den Brief am Abend,
Soeben sich entschlossen habend, Den Menschen dennoch zu erhören – Der Brief muß diesen Vorsatz stören. Nun schreibt, die Grobheit abzubitten, Der Mensch noch einen zarten dritten
Und vierten, fünften, sechsten, siebten Der herzlos schweigenden Geliebten. Doch bleibt vergeblich alle Schrift, Wenn man zuerst daneben trifft.
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Häuslicher Zwist
Der Gatte sprach wild zur Therese:
‘"Quatsch nicht, wenn grad Zeitung ich lese!" "Lies nicht, wenn ich rede!" - fast täglich die Fehde: Nie fanden sie die Synthese.
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Heimlicher Wunsch
Der Spießer liest in der Presse
die wüstesten Sex-Exzesse. Er schämt, er ergrimmt sich, wie man heute benimmt sich - nur wüßte er gern die Adresse.
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Kleine Ursachen
Ein Mensch – und das geschieht nicht oft –
Bekommt Besuch, ganz unverhofft, Von einem jungen Frauenzimmer, Das grad, aus was für Gründen immer – Vielleicht aus ziemlich hintergründigen – Bereit ist, diese Nacht zu sündigen.
Der Mensch müßt nur die Arme breiten, Dann würde sie in diese gleiten. Der Mensch jedoch den Mut verliert, Denn leider ist er unrasiert. Ein Mann mit schlechtgeschabtem Kinn
Verfehlt der Stunde Glücksgewinn, Und wird schließlich doch noch zärtlich, Wird ers zu spät und auch zu bärtlich. Infolge schwacher Reizentfaltung Gewinnt die Dame wieder Haltung
Und läßt den Menschen, rauh von Stoppeln, Vergeblich seine Müh verdoppeln. Des Menschen Kinn ist seitdem glatt – Doch findet kein Besuch mehr statt.
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Kunst
Ein Mensch malt, von Begeisterung wild,
Drei Jahre lang an einem Bild. Dann legt er stolz den Pinsel hin Und sagt: “Da steckt viel Arbeit drin.” Doch damit wars auch leider aus: Die Arbeit kam nicht mehr heraus.
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Sitten – reinlich
Ein Bauernmädel aus Kals
das wusch sich zum Sonntag den Hals bis zum Ansatz vom Busen - denn tiefer zu schmusen, erlaubt sie dem Freund keinesfalls.
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So und so
Ein Mensch, der knausernd, ob er's sollte,
Ein magres Trinkgeld geben wollte, Vergriff sich in der Finsternis Und starb fast am Gewissensbiß. Der andre, bis ans Lebensende, Berichtet gläubig die Legende
Von jenem selten noblen Herrn - Und alle Leute hören's gern. Ein zweiter Mensch, großmütig, fein, Schenkt einem einen großen Schein. Und der, bis an sein Lebensende
Verbreitet höhnisch die Legende Von jenem Tölpel, der gewiß Getäuscht sich in der Finsternis.
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Trauriger Fall
Ein Mensch, der manches liebe Jahr
mit seinem Weib zufrieden war, dann aber plötzlich Blut geleckt hat, denkt sich: "Varietas delectat -" und schürt sein letztes, schwaches Feuer zu einem wilden Abenteuer.
Jedoch bemerkt er mit Erbosen, daß seine alten Unterhosen ausschließlich ehelichen Augen zur Ansicht, vielmehr Nachsicht, taugen und daß gewiß auch seine Hemden
ein fremdes Weib noch mehr befremden, daß, kurz, in Hose, Hemd und Socken er Welt und Halbwelt nicht kann locken. Der Mensch, der innerlich noch fesche,
nimmt drum, mit Rücksicht auf die Wäsche, endgültig Abschied von der Jugend und macht aus Not sich eine Tugend.
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Unerwünschter Besuch
Ein Mensch, der sich zu Hause still
Was Wunderschönes dichten will, Sucht grad auf Lenz sich einen Reim, Als in das sonst so traute Heim Ein Mann tritt, welchen er zu treten In keiner Weise hat gebeten.
“Ich seh”, sagt dieser, “daß ich störe. Sie schreiben grade – nun, ich schwöre, Sie gar nicht lange aufzuhalten, Ich weiß, man will ein Werk gestalten, Ist just an einer schweren Stelle –
Da tritt ein Fremdling auf die Schwelle. Ich komm nicht, Sie zu unterbrechen, Ich will nur knapp zwei Worte sprechen. Nur keine Bange – fünf Minuten, Ich denk nicht, Ihnen zuzumuten,
Mir mehr zu opfern. Zeit ist Geld, Und Geld ist rar heut auf der Welt.” Der Mann noch weiterhin bekräftigt, Er wisse, wie der Mensch beschäftigt, Und sei darum von ganzer Seele
Bedacht, daß er nicht Zeit ihm stehle. Der Mensch wird, etwa nach drei Stunden, Zerschwätzt an seinem Tisch gefunden.
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Ungleicher Kampf
Ein Mensch von innerem Gewicht
Liebt eine Frau. Doch sie ihn nicht. Doch daß sie ihn nicht ganz verlöre, Tut sie, als ob sie ihn erhöre. Der Mensch hofft deshalb unverdrossen, Sie habe ihn ins Herz geschlossen,
Darin er, zwar noch unansehnlich, Bald wachse, einer Perle ähnlich. Doch sieh, da kommt schon einszweidrei Ein eitler junger Fant vorbei, Erlaubt sich einen kleinen Scherz,
Gewinnt im Fluge Hand und Herz. Ein Mensch, selbst als gereifte Perle, Ist machtlos gegen solche Kerle.
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Verdienter Hereinfall
Ein Mensch kriegt einen Kitsch gezeigt,
Doch anstatt daß er eisig schweigt, Lobt er das Ding, das höchstens nette, Fast so, als ob er's gerne hätte. Der Unmensch, kann er es so billig, Zeigt unverhofft sich schenkungswillig
Und sagt, ihn freu's, daß an der Gabe Der Mensch so sichtlich Freude habe. Moral: Beim Lobe stets dran denken, Man könnte Dir dergleichen schenken!
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Verkannte Kunst
Ein Mensch, der sonst kein Instrument,
Ja, überhaupt Musik kaum kennt, Bläst Trübsal – denn ein jeder glaubt, Dies sei auch ungelernt erlaubt. Der unglückselige Mensch jedoch Bläst bald auch auf dem letzten Loch.
Dann ists mit seiner Puste aus Und niemand macht sich was daraus. Moral: Ein Trübsalbläser sei Ein Meister, wie auf der Schalmei.
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Verpfuschtes Abenteuer
Ein Mensch geht in der Stadt spazieren
Und muß gar oft sein Herz verlieren An Frauen, die nicht daran denken, Ihm auch nur einen Blick zu schenken. Warum, so fragt er sich im Gehen, Kann mirs nicht auch einmal geschehen,
Daß dank geheimer Liebeskraft Ein Wesen, hold und engelhaft, Mißachtend strenger Sitten Hürde Sich unverhofft mir nähern würde? Kaum hat er so zu sich gesprochen,
Fühlt er sein Herz gewaltig pochen. Denn sieh, die reizendste der Frauen Naht sich voll lächelndem Vertrauen Und sagt zum ihm errötend dies: “@~@~@~@~@~@ please?”
Der Mensch, der sowas nicht gelernt, Hat hilflos stotternd sich entfernt. Was nützt – Moral von der Geschicht – Ein Engel, wenn er englisch spricht!
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Versäumte Gelegenheiten
Ein Mensch, der von der Welt bekäme,
Was er ersehnt - wenn er's nur nähme, Bedenkt die Kosten und sagt nein. Frau Welt packt also wieder ein. Der Mensch - nie kriegt er's mehr so billig! - Nachträglich wär er zahlungswillig.
Frau Welt, noch immer bei Humor, Legt ihm sogleich was andres vor: Der Preis ist freilich arg gestiegen; Der Mensch besinnt sich und läßt's liegen. Das alte Spiel von Wahl und Qual
Spielt er ein drittes, viertes Mal. Dann endlich ist er alt und weise Und böte gerne höchste Preise. Jedoch, sein Anspruch ist vertan, Frau Welt, sie bietet nichts mehr an
Und wenn, dann lauter dumme Sachen, Die nur der Jugend Freude machen, Wie Liebe und dergleichen Plunder, Statt Seelenfrieden mit Burgunder . . .
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Weltlauf
Ein Mensch, erst zwanzig Jahre alt,
Beurteilt Greise ziemlich kalt Und hält sie für verkalkte Deppen, Die zwecklos sich durchs Dasein schleppen Der Mensch, der junge, wird nicht jünger: Nun, was wuchs denn auf seinem Dünger?
Auch er sieht, daß trotz Sturm und Drang, Was er erstrebt, zumeist mißlang, Daß, auf der Welt als Mensch und Christ Zu leben, nicht ganz einfach ist, Hingegen leicht, an Herrn mit Titeln
Und Würden schnöd herumzukritteln. Der Mensch, nunmehr bedeutend älter, Beurteilt jetzt die Jugend kälter Vergessend früheres Sich-Erdreisten: “Die Rotzer sollen erst was leisten!"
Die neue Jugend wiedrum hält... Genug - das ist der Lauf der Welt!
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Zu spät
Ein Mensch zertritt die Schnecke, achtlos,
Die Schnecke ist dagegen machtlos. Zu spät erst kann sie, im Zerknacken, Den Menschen beim Gewissen packen.
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