The Soul's Mirror
 

 

Erich Kästner
 

Apropos, Einsamkeit!

Chor der Fräuleins

Das Gebet keiner Jungfrau

Der Busen marschiert

Der Herr ohne Gedächtnis

Die Entwicklung der Menschheit

Die sehr moralische Autodroschke

Ein Mann gibt Auskunft

Eine Frau spricht im Schlaf

Er weiß nicht, ob er sie liebt

Familiäre Stanzen

Gewisse Ehepaare

Höhere Töchter im Gespräch

Konferenz am Bett

Moralische Anatomie

Ragout fin de siècle

Repetition des Gefühls

Sachliche Romanze

Sogenannte Klassefrauen

Zeitgenossen, Haufenweise

Apropos, Einsamkeit!

Man kann mitunter scheußlich einsam sein!
Da hilft es nichts, den Kragen hochzuschlagen
und vor Geschäften zu sich selbst zu sagen:
Der Hut da drin ist hübsch, nut etwas klein ...

Da hilft es nichts, in ein Café zu gehn
und aufzupassen, wie die andren lachen.
Da hilft es nichts, ihr Lachen nachzumachen.
Es hilft auch nichts, gleich wieder aufzustehn.

Da schaut man seinen eignen Schatten an.
Der springt und eilt, um sich nicht zu verspäten,
und Leute kommen, die ihn kühl zertreten.
Da hilft es nichts, wenn man nicht weinen kann.

Da hilft es nichts, mit sich nach Hause zu fliehn
und, falls man Brom zu Haus hat, Brom zu nehmen.
Da nützt es nichts, sich vor sich selbst zu schämen
und die Gardinen hastig vorzuziehn.

Da spürt man, wie es wäre: Klein zu sein.
So klein wie nagelneue Kinder sind!
Dann schließt man beide Augen und wird blind.
Und liegt allein ...

Chor der Fräuleins

Wir hämmern auf die Schreibmaschinen
Das ist genau, als spielten wir Klavier.
Wer Geld besitzt, braucht keines zu verdienen.
Wir haben keins. Drum hämmern wir.

Wir winden keine Jungfernkränze mehr.
Wir überwanden sie mit Vergnügen.
Zwar gibt es Herren, die stört das sehr.
Die müssen wir belügen.

Zweimal pro Woche wird die Nacht
mit Liebelei und heißem Mund,
als wär man Mann und Frau, verbracht.
Das ist so schön! und außerdem gesund.

Es wäre nicht besser, wenn es anders wäre.
Uns braucht kein innrer Missionar zu retten!
Wer murmelt düster von verlorner Ehre?
Seid nur so treu wie wir, in euren Betten!

Nur wenn wir Kinder sehn, die lustig spielen
und Bälle fangen mit Geschrei
und weinen, wenn sie auf die Nase fielen -
dann sind wir traurig. Doch das geht vorbei.

Das Gebet keiner Jungfrau

Ich könnte gleich das Telefon ermorden!
Nun hat er, sagt er, wieder keine Zeit.
Ein ganzer Mensch bin ich nur noch zu zweit.
Ach, eine Hälfte ist aus mir geworden.

Ich glaube fast, er will mich manchmal kränken.
Es schmeichelt ihm vielleicht, Daß er es kann?
Wenn ich dann traurig bin, sieht er mich an,
als würde ich ihm etwas Hübsches schenken.

Daß er mich lieb hat, ist höchst unwahrscheinlich.
Ich habe ihn einmal darnach gefragt.
Das war im Bett. Und er hat nichts gesagt.
Er gab mir Küsse. Denn es war ihm peinlich.

Es wär schon schöner, wenn es schöner wäre
und wenn er mich so liebte wie ich ihn.
Er liebt mich nicht. Obwohl es erst so schien.
Mein Körper geht bei seinem in die Lehre.

Mama sagt oft, ich möge mich benehmen.
Sie ahnt etwas. Und redet gern von Scham.
Ich wollte alles so, wie alles kam!
Man kann sich doch nicht nur pro forma schämen.

Er ist schon dreißig und kennt viele Damen.
Er trifft sie manchmal. Und erinnert sich.
Und eines Tages trifft er dann auch mich.
Und grüßt. Und weiß schon nicht mehr meinen Namen.

Zwei dutzend Kinder möcht ich von ihm haben.
Da lacht er nur und sagt, ich kriegte keins.
Er weiß Bescheid. Und käme wirklich eins,
müsst ich es ja vor der Geburt begraben.

Ich hab ihn so lieb und will, Daß es so bliebe.
Es bleibt nicht so, und nächstens ist es aus.
Dann weine ich. Und geh nicht aus dem Haus.
Und nehme acht Pfund ab. Das ist die Liebe.

Der Busen marschiert

Frühmorgens geht das Kleid bis zum Knie
und das Fräulein ins Büro.
Ds Kleid sitzt stramm auf der Anatomie
und lässt keinen Raum für die Phantasie.
Man sieht den Bestand ja auch so.

Da wird nichts an- oder abgeschraubt.
Da gilt kein Pseudonym.
Denn was man nicht sieht, das wird nicht geglaubt.
Der Körper ist so, wie er ist, erlaubt.
Und die haut passt haarscharf ins Kostüm.

Das wäre also der neue Stil?
Immer kurz, immer jung, immer schlank?
Doch schon wird der Frau das Zuwenig zuviel.
Es war nicht ihr Ernst, sondern wieder nur Spiel.
Und sie spuckt in den Kleiderschrank.

Aber abends, da flattert der Überhang,
und die Schleppe rauscht ums Gebein.
Der Wahn war kurz. Der Rock wird lang.
Und die Brust steht vor wie der Erste Rang
und schläft im Stehen ein.

Die Waden sind weg. Und die Hüften sind hin.
Der Schwund ist ziemlich komplett.
Nur der Busen marschiert und stößt ans Kinn.
Und die Frauen ähneln der Königin
Luise und tragen Korsett.

Nun tun sie wieder, als wären sie Feen,
und schweben massiv durch das Haus.
Doch wenn sie derartig vorübergehn,
so geht den Männern, die das sehn,
vor Schreck die Zigarre aus.

Der Herr ohne Gedächtnis

Er griff dem Leben in die Taschen
und trieb mit Tod und Teufel Spaß.
Sein Maul war (bildlich) ungewaschen.
Er trank aus ziemlich allen Flaschen
und nahm bei Nacht den Sternen Maß.
Er stand auf dem Balkon des Jahres,
sah Scheußliches und Wunderbares,
und er vergaß.

Er kannte mehr als tausend Damen.
Die ziegten ihm ihr Herz en farce.
Er spielte mit in tausend Dramen.
Er reiste unter tausend Namen
und sah durch Wände durch wie Glas.
Er lebte oft von Überresten.
Er wohnte manchmal in Palästen.
Und er vergaß.

Er war Friseur. Und Kohlenträger.
Er wurde krank. Und er genas.
Er schoß am Kongo Bettvorleger
und am Isonzo Alpenjäger
und boß beinhahe selbst ins Gra.
Er fuhr auf Dampfern, die zerbrachen.
Er hustete in allen Sprachen.
Und er vergaß.

Und wenn sie ihn mit Blicken maßen,
in denen leichtes Grauen saß,
floh er auf Inseln mit Oasen.
Zu Menschen, welche Menschen fraßen,
indes er aus der Bibel las.
Oft reicht die Trauer nur für Späße ...
Er hoffte, Daß man ihn vergäße,
wie er die anderen vergaß.
Und so geschah´s.

Die Entwicklung der Menschheit

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mit allem Komfort.
Sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.

Was ihre Verdauung übrigläßt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.

Die sehr moralische Autodroschke

Er brachte sie im Auto nach Haus.
Sie erzählte von ihrem Mann.
Er wusste, sie sähe entzückend aus.
Doch blickte er sie nicht an.

Sie fuhren durch die Alleen der Nacht.
Am Steuer saß irgendwer.
Die Sterne hatten sich hübsch gemacht.
Die Alleen waren ziemlich leer.

Und wenn das Auto Kurven nahm,
dann trafen sich ihre Knie.
Und wenn er ihr allzu nahe kam,
dann zitterten er und sie.

Er sprach von einem Theaterstück.
Das klang ein wenig gepresst.
Sie sprach von ihrem Familienglück.
Ihre Stimme war nicht sehr fest.

Stets spürte er ihren Blick auf sich,
obwohl er durchs Fenster sah.
Und plötzlich wurde sie ärgerlich
und meinte, sie wären gleich da...

Dann waren sie eine Weile stumm
In der Luft verbarg sich ein Blitz.
Doch fand er schließlich das Ganze zu dumm
und erzählte einen Witz.

Die Luft war mild. Und das Auto fuhr.
Es roch nach Glück und Benzin.
Sie achteten wenig auf die Natur
und streiften sich mit den Knien.

Dann stiegen sie aus. Er gab ihr die Hand.
Und ging. Und fand alles gut.
Doch als er daheim im Zimmer stand,
zertrampelte er seinen Hut.

Ein Mann gibt Auskunft

Das Jahr war schön und wird nie wiederkehren.
Du wusstest, was ich wollte, stets und gehst.
Ich wünschte zwar, ich könnte Dir's erklären,
und wünsche doch, Daß Du mich nicht verstehst.

Ich riet Dir manchmal, Dich von mir zu trennen,
und danke Dir, Daß Du bis heute bliebst.
Du kanntest mich und lerntest mich nicht kennen.
Ich hatte Angst vor Dir, weil Du mich liebst.

Du denkst vielleicht, ich hätte Dich betrogen.
Du denkst bestimmt, ich wäre nicht wie einst.
Und dabei hab ich Dich nie belogen!
Wenn Du auch weinst.

Du zürntest manchmal über meine Kühle.
Ich muss Dir sagen: Damals warst Du klug.
Ich hatte stets die nämlichen Gefühle.
Sie waren aber niemals stark genug.

Du denkst, das klingt, als wollte ich mich loben
und stünde stolz auf einer Art Podest.
Ich stand nur fern von Dir. Ich stand nicht oben.
Du bist mir böse, weil Du mich verlässt.

Es gibt auch andre, die wie ich empfinden.
Wir sind um soviel ärmer, als ihr seid.
Wir suchen nicht. Wir lassen uns bloß finden.
Wenn wir euch leiden sehen, packt uns der Neid.

Ihr habt es gut. Denn ihr dürft alles fühlen.
Und wenn ihr trauert, drückt uns nur der Schuh.
Ach, unsre Seelen sitzen wie auf Stühlen,
und sehn der Liebe zu.

Ich hatte Furcht vor Dir. Du stelltest Fragen.
Ich brauchte Dich und tat Dir doch nur weh.
Du wolltest Antwort. Sollte ich denn sagen:
Geh...

Es ist bequem, mit Worten zu erklären.
Ich tu es nur, weil Du es so verlangst.
Das Jahr war schön und wird nie wiederkehren.
Und wer kommt nun? Leb wohl! Ich habe Angst.

Eine Frau spricht im Schlaf

Als er mitten in der Nacht erwachte,
schlug sein Herz, daß er davor erschrak.
Denn die Frau, die neben ihm lag, lachte,
daß es klang, als sei der Jüngste Tag.

Und er hörte ihre Stimme klagen.
Und er fühle, daß sie trotzdem schlief.
Weil sie beide blind im Dunkeln lagen,
sah er nur die Worte, die sie rief.

"Warum tötest Du mich denn nicht schneller?"
fragte sie und weinte wie ein Kind.
Und ihr Weinen drang aus jenem Keller,
wo die Träume eingemauert sind.

"Wieviel Jahre willst Du mich noch hassen?"
rief sie aus und lag unheimlich still.
"Willst Du mich nicht weiterleben lassen,
weil ich ohne Dich nicht leben will?"

Ihre Fragen standen wie Gespenster,
die sich vor sich selber fürchten, da.
Und die Nacht war schwarz und ohne Fenster.
Und schien nicht zu wissen, was geschah.

Ihm (dem Mann im Bett) war nicht zum Lachen.
Träume sollen wahrheitsliebend sein ...
Doch er sagte sich: "Was soll man machen!"
und beschloß, nachts nicht mehr aufzuwachen.
Daraufhin schlief er getröstet ein.

Er weiß nicht, ob er sie liebt

Soll man das Herz bestürmen: "Herz, sprich lauter!"
da es auf einmal leise spricht?
Einst sprach es laut zu uns. Das klang vertrauter.
Nun flüstert's nur. Und man versteht es nicht.

Was will das Herz? Man denkt: wenn es das wüsste,
dann wär es laut, damit man es versteht.
Dann riefe es, bis man ihm folgen müsste!
Was will das Herz, Daß es so leise geht?

Das Allerschönste, was sich Kinder wünschen,
das wagt sich kaum aus ihrem Mund hervor.
Das Allerschönste, was sich Kinder wünschen,
das flüstern sie der Mutter bloß ins Ohr...

Ist so das Herz, Daß es sich schämt zu rufen?
Will es das Schönste haben? Ruft es Nein?
Man soll den Mächten, die das Herz erschufen,
nicht dankbar sein.

Familiäre Stanzen

Wenn sich Leute, die sich lieben, hassen,
tun sie das auf unerhörte Art.
Noch in allem, was sie unterlassen,
bleibt ihr Hass aufs sorglichste gewahrt.
Keiner will vorm anderen erblassen.
Selbst die falschen Zähne sind behaart.
Und auch bei den höflichsten Gesprächen
sieht es aus, als ob die Herzen brächen.

Denn sie kennen sich auf jede Weise,
tags und nachts und viele Jahre schon.
Und sie teilten Schlaf und Trank und Speise
und die Sorgen und das Telefon.
Jetzt verletzen sie sich klug und leise.
Lächeln ist noch nicht der schlechtste Hohn.
Jeder Ton ist messerscharf geschliffen.
Und der Schmerz wird, eh es schmerzt, begriffen.

Und sie mustern sich wie bei Duellen.
Beide kennen die Anatomie
ihrer Herzen und die schwachen Stellen.
Und sie zielen kaum. Und treffen sie!
Ach, es klingt, als würden Hunde bellen.
Und die Uhr erschrickt, wenn einer schrie.
Alles, was sie voneinander wissen,
wird wie Handgranaten hingeschmissen!

Aber plötzlich ist der Hass verschwunden.
Krank und müde blicken sie sich an.
Und sie staunen über ihre Wunden.
Keiner wusste, Daß er beißen kann...
Beide sind des gleichen Schicksals Kunden.
Und sie spielen wieder Frau und Mann.
Denn die Liebe wird nach solchen Stunden
endlich wieder angenehm empfunden.

Gewisse Ehepaare

Ob sie nun gehen, sitzen oder liegen,
sie sind zu zweit.
Man sprach sich aus. Man hat sich ausgeschwiegen.
Es ist soweit.

Das haar wird dünner, und die Haut gelber,
von Jahr zu Jahr.
Man kennt den andern besser als sich selber.
Der Fall liegt klar.

Man spricht durch Schweigen. Und man schweigt mit Worten.
Der Mund läuft leer.
Die Schweigsamkeit besteht aus neunzehn Sorten
(wenn nicht aus mehr).

Vom Anblick ihrer Seelen und Krawatten
wurden sie bös.
Sie sind wie Grammophone mit drei Platten.
Das macht nervös.

Wie oft sah man einander beim Betrügen
voll ins Gesicht!
Man kann zur Not das eigne Herz belügen,
das andre nicht.

Sie lebten feig und wurden unansehnlich.
Jetzt sind sie echt.
Sie sind einander zum Erschrecken ähnlich.
Und das mit Recht.

Sie wurden stumpf wie Tiere hinterm Gitter.
Sie flohen nie.
Und manchmal steht vorm Käfig ein Dritter.
Der ärgert sie.

Nachts liegen sie gefangen in den Betten
und stöhnen sacht,
während ihr Traum aus Bett und Kissen Ketten
und Särge macht.

Sie mögen gehen, sitzen oder liegen,
sie sind zu zweit.
Man sprach sich aus. man hat sich ausgeschwiegen.
Nun ist es Zeit ...

Höhere Töchter im Gespräch

Die Eine sitzt. Die Andre liegt.
Sie reden viel. Die Zeit verfliegt.
Das scheint sie nicht zu stören.
Die Eine liegt. Die Andre sitzt.
Sie reden viel. Das Sofa schwitzt
und muss viel Dummes hören.

Sie sind sehr wirkungsvoll gebaut
und haben ausgesuchte Haut.
Was mag der Meter kosten?
Sie sind an allen Ecken rund.
Sie sind bemalt, damit der Mund
und die Figur nicht rosten.

Ihr Duft erinnert an Gebäck.
Das Duften ist ihr Lebenszweck,
vom Scheitel bis zur Zehe.
Bis beide je ein Mann mit Geld
in seine gute Stube stellt.
Das nennt man dann: Die Ehe.

Sie knabbern Pralinées und Zeit;
von ihren Männern, Hut und Kleid
und keine Kinder kriegend.
So leben sie im Grunde nur
als 44er Figur,
teils sitzend und teils liegend.

Ihr Kopf ist hübsch und ziemlich hohl.
Sie fühlen sich trotzdem sehr wohl.
Was lässt sich daraus schließen?
man schaut sie sich zwar gerne an,
doch ganz gefielen sie erst dann,
wenn sie das Reden ließen.

Konferenz am Bett

Ich saß bei Dir am Bett und fühlte jede
Bewegung des Plumeaus, als wärst es Du.
Wir sprachen klug und deckten mit der Rede
das, was geschehen sollte, auf und zu.

Es war ein Zweikampf in gepflegter Prosa.
du lagst im Bett. Ich saß und hielt mich stramm.
Es roch nach Puder. Und das Licht war rosa.
Und manches Wort wog 20 Kilogramm.

Du wolltest nicht, Daß ich bloß bei Dir säße...
Du wolltest aber, wie ich bald erriet,
Daß ich Dich erst auf Dein Kommando fräße!
Du lagst im Bett und machtest Appetit.

Und dabei wusstest Du, Daß ich das wüsste,
und wusste ich, Du wüsstest längst: er weiß.
Und zeigtest Du ein bisschen sehr viel Büste,
dann nickte ich und sagte: "Es ist heiß."

Wir waren ganz und gar nicht zu beneiden.
Wir schütteten die Stimmung durch ein Sieb.
Am Ende wusste keiner von uns beiden,
wer das, was beide wollten, hintertrieb.

Der Morgen dämmerte. Die Vögel sangen.
Bis sechs Uhr dreißig währte das Duett.
Und wie ging's weiter? Dann bin ich gegangen!
Sonst säß ich heute noch bei Dir am Bett.

(Anmerkung von Kästner:
Manche Menschen benützen ihre Intelligenz zum Vereinfachen, manche zum Komplizieren)

Moralische Anatomie

Da hat mir plötzlich und mitten im Bett
Eine Studentin der Jurisprudenz erklärt:
Jungfernschaft sei, möglicherweise, ganz nett,
besäße aber kaum noch Sammlerwert.

Ich weiß natürlich, Daß sie nicht log.
Weder als sie das sagte,
noch als sie sich kenntnisreich rückwärts bog
und nach meinem Befinden fragte.

Sie hatte nur Angst vor dem Kind.
Manchmal besucht sie mich noch.
An der Stelle, wo andre moralisch sind,
da ist bei ihr ein Loch...

Ragout fin de siècle

Hier können kaum die Kenner
in Herz und Niere schauen.
Hier sind die Frauen Männer.
Hier sind die Männer Frauen.

Hier tanzen die Jünglinge selbstbewusst
im Abendkleid und mit Gummibrust
und sprechen höchsten Diskant.
Hier haben die Frauen Smokings an
und reden tief wie der Weihnachtsmann
und stecken Zigarren in Brand.

Hier stehen die Männer vorm Spiegel stramm
und schminken sich selig die Haut.
Hier hat man als Frau keinen Bräutigam.
Hier hat jede Frau eine Braut.

Hier wurden vor lauter Perversion
vereinzelte wieder normal.
Und käme Dante in eigner Person
er fräße vor Schreck Veronal.

Hier findet sich kein Schwein zurecht.
Die Echten sind falsch, die Falschen sind echt,
und alles mischt sich im Topf,
und Schmerz macht Spaß, und Lust zeugt Zorn,
und Oben ist unten, und Hinten ist vorn.
Man greift sich an den Kopf.

Von mir aus, schlaft euch selber bei!
Und schlaft mit Drossel, Fink und Star
und Brehms gesamter Vögelschar!
Mir ist es einerlei.

Nur, schreit nicht dauernd wie am Spieß
was ihr für tolle Kerle wärt!
Bloß weil ihr hintenherum verkehrt,
seid ihr noch nicht Genies.

Na ja, das wär dies.

Repetition des Gefühls

Eines Tages war sie wieder da ...
Und sie fände ihn bedeutend blässer.
Als er dann zu ihr hinübersah,
meinte sie, ihr gehe es nicht besser.

Morgen abend wolle sie schon weiter.
Nach dem Allgäu oder nach Tirol.
Anfangs war sie unaufhörlich heiter.
Später sagte sie, ihr sei nicht wohl.

Und er strich ihr müde durch die Haare.
Endlich fragte es dezent: "Du weinst?"
und sie dachten an vergangene Jahre.
Und so wurde es zum Schluß wie einst.

Als sie an dem nächsten Tag erwachten,
waren sie einander fremd wie nie.
Und so oft sie sprachen oder lachten,
logen sie.

Gegen Abend mußte sie dann reisen.
Und sie winkten. Doch sie winkten nur.
Denn die Herzen lagen auf den Gleisen,
über die der Zug ins Allgäu fuhr.

Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Sogenannte Klassefrauen

Sind sie nicht pfuiteuflisch anzuschauen?
Plötzlich färben sich die Klassefrauen,
weil es Mode ist, die Nägel rot!
Wenn es Mode wird, sie abzukauen
oder mit dem Hammer blau zu hauen,
tun sie's auch. Und freuen sich halb tot.

Wenn es Mode wird, die Brust zu färben,
oder falls man die nicht hat, den Bauch...
Wenn es Mode wird, als Kind zu sterben
oder sich die Hände gelb zu gerben,
bis sie Handschuh ähneln, tun sie's auch.

Wenn es Mode wird, sich schwarz zu schmieren....
Wenn verrückte Gänse in Paris
sich die Haut wie Chinakrepp plissieren...
Wenn es Mode wird, auf allen Vieren
durch die Stadt zu kriechen, machen sie's.

Wenn es gälte, Volapük zu lernen
und die Nasenlöcher zuzunähen
und die Schädeldecke zu entfernen
und das Bein zu heben an Laternen, -
morgen könnten wir es bei ihnen sehn.

Denn sie fliegen wie mit Engelsflügeln
immer auf den ersten besten Mist.
Selbst das Schienbein würden sie sich bügeln!
Und sie sind auf keine Art zu zügeln,
wenn sie hören, Daß was Mode ist.

Wenn's doch Mode würde, zu verblöden!
Denn in dieser Hinsicht sind sie groß.
Wenn's doch Mode würde, diesen Kröten
jede Öffnung einzeln zuzulöten!
Denn dann wären wir sie endlich los.

Zeitgenossen, Haufenweise

Es ist nicht leicht, sie ohne Haß zu schildern,
und ganz unmöglich geht es ohne Hohn.
Sie haben Köpfe wie auf Abziehbildern
und, wo das Herz sein müßte, Telephon.

Sie wissen ganz genau, daß Kreise rund sind
und Invalidenbeine nur aus Holz.
Sie sprechend fließend, und aus diesem Grund sind
sie Tag und Nacht - auch sonntags - auf sich stoöz.

In ihren Händen wird aus allem Ware.
In ihrer Seele brennt elektrisch Licht.
Sie messen auch das Unberechnenbare.
Was sich nicht zählen läßt, das gibt es nicht!

Sie haben am Gehirn ernorme Schwielen,
fast als benutzten sie es als Gesäß.
Sie werden rot, wenn sie mit Kindern spielen,
die Liebe treiben sie programmgemäß.

Sie singen nie (nicht einmal im August)
ein hübsches Weihnachtslied auf offner Straße.
Sie sind nie froh und haben immer Lust.
Und denken, wenn sie denken, durch die Nase.

Sie loben unermüdlich unsre Zeit,
ganz als erhoielten sie von ihr Tantiemen.
Ihr Intellekt liegt meißtens doppelt breit.
Sie können sich nur noch zum Scheine schämen.

Sie haben Witz und können ihn nicht halten.
Sie wissen viel, was sie nicht verstehen.
Man muß sie sehen, wenn sie Haare spalten!
Es ist, um an den Wänden hochzugehn.

Man sollte kleine Löcher in sie schießen!
Ihr letzter Schrei wär noch ein dernier cri.
Jedoch, sie haben viel zuviel Komplicen,
als daß sie sich von uns erschießen ließen.
Man trift sie nie.

disclaimer