The Soul's Mirror
 

 

Erich Fried
 

Auf- und Abrechnung

Bedingung

Dann wieder

Dann

Dich

Die Gewalt

Die Gleichungen

Diese Leere

Erwartung

Inschrift

Meine Wahl

Nachtgedicht

Nur küssen

Nur nicht

Was es ist

Zwischenspiel

Auf- und Abrechnung

Also:
Fünf halbe Lieben hast Du, sagst Du, gehabt
und vier geringere, die Du
nur als Viertellieben betrachtest?
Ja, und dazu kommen
zwei große Lieben
große, nicht ganz große, meinst Du
und nennst sie Dreiviertellieben
Das sei also
sagst Du
Dasselbe
wie fünf
ganz große Lieben
Ja, alles zusammen gibt fünf
Aber wie, wenn die Viertellieben
und Dreiviertellieben gegen die halben Lieben
aufzurechnen sind?
Das hebt sich dann auf
und dann hast Du
in Deinem ganzen Leben
nicht eine einzige wirkliche Liebe gehabt

Bedingung

Wenn es Sinn hätte
zu leben
hätte es Sinn
zu leben

Wenn es Sinn hätte
noch zu hoffen
hätte es Sinn
noch zu hoffen

Wenn es Sinn hätte
sterben zu wollen
hätte es Sinn
sterben zu wollen

Fast alles hätte Sinn
wenn es Sinn hätte

Dann wieder

Was keiner geglaubt haben wird
was keiner gewußt haben konnte
was keiner geahnt haben durfte
das wird dann wieder
das gewesen sein
was keiner gewollt haben wollte

Dann

Wenn Dein Glück
kein Glück mehr ist
dann kann Deine Lust
noch Lust sein
und Deine Sehnsucht ist noch
Deine wirkliche Sehnsucht.

Auch Deine Liebe
kann noch Liebe sein
beinahe noch glückliche Liebe
und Dein Verstehen
kann wachsen.

Aber dann will auch
Deine Traurigkeit
traurig sein
und Deine Gedanken
werden mehr und mehr
Deine Gedanken.

Du bist dann wieder Du
und fast zu sehr bei Dir.

Deine Würde ist Deine Würde.

Nur Dein Glück
ist kein Glück mehr

Dich!

Dich nicht näher denken
und Dich nicht weiter denken
Dich denken, wo Du bist
weil Du wirklich dort bist
Dich nicht älter denken
und Dich nicht jünger denken
nicht größer, nicht kleiner
nicht hitziger, nicht kälter
Dich denken und nach Dir sehnen
Dich sehen wollen
und Dich liebhaben
so wie Du wirklich bist

Die Gewalt

Die Gewalt fängt nicht an
wenn einer einen erwürgt
Sie fängt an
wenn einer sagt:
'ich liebe Dich:
Du gehörst mir!'

Die Gewalt fängt nicht an
wenn Kranke getötet werden
Sie fängt an
wenn einer sagt:
'Du bist krank:
Du mußt tun was ich sage'

Die Gewalt fängt an
wenn Eltern
ihre folgsamen Kinder beherrschen
und wenn Päpste und Lehrer und Eltern
Selbstbeherrschung verlangen

Die Gewalt herrscht dort
wo der Staat sagt:
'Um die Gewalt zu bekämpfen
darf es keine Gewalt mehr geben
außer meiner Gewalt'

Die Gewalt herrscht
wo irgendwer
oder irgendwas
zu hoch ist
oder zu heilig
um noch kritisiert zu werden

oder wo die Kritik nichts tun darf
sondern nur reden
und die Heiligen oder die Hohen
mehr tun dürfen als reden

Die Gewalt herrscht dort wo es heißt:
'Du darfst Gewalt anwenden'
aber auch dort wo es heißt:
'Du darfst keine Gewalt anwenden'

Die Gewalt herrscht dort
wo sie ihre Gegner einsperrt
und sie verleumdet
als Anstifter zur Gewalt

Das Grundgesetz der Gewalt
lautet: 'Recht ist, was wir tun.
Und was die anderen tun
das ist Gewalt'

Die Gewalt kann man vielleicht nie
mit Gewalt überwinden
aber vielleicht auch nicht immer
ohne Gewalt

Die Gleichungen

Ich verlerne
was ich gelernt habe
in der Schule

Zukunft
durch Angst
ist Vergessen

Leben
durch Angst
ist Irrsinn

Vergessen
durch Irrsinn
ist Krieg

Ich weiß noch
das heißt dann
Angst mal Irrsinn ist Leben

Ich weiß auch noch
das heißt
Angst mal Vergessen ist Zukunft

Aber ich weiß nicht
was für eine Zukunft
das ist

Und was ist Angst
mal Angst?

Und was ist dann Friede?

Wir haben als Kinder
doch rechnen gelernt
Wozu?

Diese Leere

Wie leer ist es
da
wo etwas war
Wo WAS war?
Etwas was nicht mehr da ist
Und ist es nicht mehr da?
Warum nicht?
und wirklich nicht?
Kann es nicht wieder da sein?
Darf es nicht wieder da sein?
Ist deshalb alles so leer?

Wie groß
muß gewesen sein
was da war
daß alles jetzt
wenn es vielleicht nicht da ist
oder vielleicht
nicht mehr da sein wird
so leer ist
daß Leere in Leere
übergeht
oder untergeht
oder ruht?

Müßte Ruhe
nicht eigentlich anders sein
als das
was leer ist
und doch
kalt ist
obwohl das Leere
nicht kalt sein kann
als das
was leer ist
und doch noch brennt
obwohl das Leere
nicht brennen kann
als das was leer ist
und doch
den Hals zuschnürt
obwohl das Leere
den Hals nicht zuschnüren kann
Was ist es also?

Erwartung

Deine ferne Stimme
ganz nahe am Telefon -
und ich werde sie bald aus der Nähe
entfernter hören
weil sie dann von Deinem Mund
bis zu meinen Ohren
den langen Weg nehmen muß
hindurch zwischen Deinen Brüsten
über den Nabel hin
und den kleinen Hügel
Deinen ganzen Körper entlang
an dem Du hinabsiehst
bis hinunter zu meinem Kopf
dessen Gesicht
vergraben ist zwischen Deine gehobenen Schenkel
in Deine Haare
und in Deinen Schoß

Inschrift

Sag
in was
schneide ich
Deinen Namen?

In den Himmel?
Der ist zu hoch
In die Wolken?
Die sind zu flüchtig

In den Baum
der gefällt und verbrannt wird?
Ins Wasser
das alles fortschwemmt?

In die Erde
die man zertritt
und in der nur
die Toten liegen?

Sag
in was
schneide ich
Deinen Namen?

In mich
und in mich
und immer tiefer
in mich

Meine Wahl

Gesetzt ich verliere Dich
und hab dann zu entscheiden
ob ich Dich noch ein Mal sehe
und ich weiß:
Das nächste Mal
bringst Du mir zehnmal mehr Unglück
und zehnmal weniger Glück
Was würde ich wählen?

Ich wäre sinnlos vor Glück
Dich wiederzusehen

Nachtgedicht

Dich bedecken
nicht mit Küssen
nur einfach
mit Deiner Decke
(die Dir
von der Schulter
geglitten ist)
daß Du
im Schlaf nicht frierst.

Später
wenn Du
erwacht bist
das Fenster zumachen
und Dich umarmen
und Dich bedecken
mit Küssen
und Dich
entdecken.

Nur küssen

Drei Worte mit "nur"
sind mehr Glück für mich als fast alles
was wir im Leben sonst
tun dürfen oder tun müssen
Die drei Worte sind: "Dich nur küssen"

"Mich nur küssen
sonst nichts?
Ist das alles
was Du an Glück
noch hast?"

Nicht ganz.
Denk im Falle des Falles
an meine Worte zurück:
Denn ich sagte vorsichtig "fast"

Nur nicht

Das Leben
wäre
vielleicht einfacher
wenn ich Dich
gar nicht getroffen hätte

Weniger Trauer
jedes Mal
wenn wir uns trennen müssen
weniger Angst
vor der nächsten
und übernächsten Trennung
Und auch nicht soviel
von dieser machtlosen Sehnsucht
wenn Du nicht da bist
die nur das Unmögliche will
und das sofort
im nächsten Augenblick
und die dann
weil es nicht sein kann
betroffen ist
und schwer atmet
Das Leben
wäre vielleicht
einfacher
wenn ich Dich
nicht getroffen hätte
Es wäre nur nicht
mein Leben

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Zwischenspiel

Und wenn mein Zeigefinger
schon naß ist von Dir
mir noch Zeit nehmen
und mit seiner Kuppe
auf Deinen Bauch
ein Herz malen
so daß Dein Nabel
mitten im Herzen die Stelle ist
wo angeblich Amors Pfeil
das Herz durchbohrt hat
und dann erst
wenn Du erraten hast
daß es ein Herz war
was ich auf Dich gezeichnet habe
.....

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